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Thema: Leseprobe: Namenloses Vergessen, Kapitel 9

  1. #1
    Legende Avatar von Connar
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    Standard Leseprobe: Namenloses Vergessen, Kapitel 9

    Hallo zusammen,

    Der Auszug aus dem Buch zum Namenlosen Vergessen, das derzeit leider etwas ruhig im Spielebreich vor sich hin dämmert, stammt aus Kapitel neun und wurde gerade von mir final überarbeitet (habe endlich mal wieder Zeit gefunden). Ich fand ihn zu schön, um ihn nicht hier mit euch geneigten Lesern zu teilen. Viel Spaß damit!

    Kommentare, Meinungen, Kritik und Feedback sind natürlich erwünscht!

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    Zur Einordnung: Die junge Hexe Jolinar wurde in Kannemünde entführt und die Besatzung der Trutz von Neersand verfolgt einen Kutter in der Tränenbucht. Sie stoßen auf die Nur ay'Alveran, müssen jedoch zu einer List greifen, um an Bord nach der Vermissten zu suchen. Daraus entwickelt sich das beschriebene Übungsgefecht...

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    An Bord der Nur ay al‘Veran ging es derweil weniger beschaulich zu, denn das Enterkommando befand sich, angefeuert von ihren nicht eingesetzten Kameraden an Bord der Schivone, mittlerweile im Kampf Mann gegen Mann. Die Tulamiden hatten ihre Reihen weitgehend schließen können und drängten die Angreifer an der Bordwand zusammen. So stand Nazir ein grobschlächtiger Tulamide gegenüber, der es mittels zweier Belegnägel mit dem Seemann aus Al’Anfa aufnehmen wollte, während neben ihm Adriego davon überzeugt war, Etikette wahren zu müssen und Shanja den Vortritt zu lassen, als er seinen Gegner mit einem geschickten Ellenbogenschlag schlafen geschickt hatte. „Bitte nach Euch, Verehrteste.“, bot der Almadaner seiner aranischen Standesgenossin mit einem schalkhaftem Lächeln die Lücke an, die er gerade freigekämpft hatte. Diese wurde noch eine Spur größer, als Ramon seinen Rivalen in einen fiesen Würgegriff nahm und gegen die Bordwand drückte.
    Das erlaubte Rezanir endlich, sich ebenfalls auf den Kutter zu schwingen. Als Landeplatz hatte er sich die Stelle ausgesucht, wo er vorhin Lucan ausgemacht zu haben glaubte, doch irgendwer oder irgendetwas störte seinen Schwung und er knallte unsanft mit der linken Körperhälfte gegen den Hauptmast. Für einen Moment rückte die rätselhafte Musik, die er für sich selbst als Einbildung abgetan hatte, in den Hintergrund und dem Reisenden aus Rashdul wurde schwarz vor Augen.
    Auf der Brücke sorgte sein Auftritt für allgemeine Erheiterung und einhelliges Schmunzeln. Kapitän Borsoj schüttelte amüsiert den Kopf und meinte: „Was für ein Spektakel!“
    Firutin saß noch immer stumm auf seinem Platz, doch er genoss den Anblick des Kampfes und vor allem das Aufspielen des Orchesters, das nun mit dem Hauptteil des zweiten Satzes begann. Langsam, in aller Gemütlichkeit und mit aller Zeit der Welt, stand er auf und schritt gemächlich auf das Hauptdeck herunter. Dort griff er nach einer bereitliegenden Planke und richtete sie so aus, dass ein Übersetzen auf die Nur ay al’Veran mit nur wenig Anstrengung möglich sein sollte.
    Jalessa hatte sein Kommen beobachtet und eilte nun herbei, ihren schmerzenden Fuß vollkommen vergessend vor Aufregung. Geschockt und fassungslos deutete sie auf den behelfsmäßigen Übergang. „Firutin, seid Ihr verrückt? So eine dünne Planke, bestimmt aus morschem Holz!“ Ihre Stimme überschlug sich geradezu. „Ihr glaubt nicht, wie schnell das zu brechen vermag und dazu noch die Bewegungen der Schiffe. Eine Unaufmerksamkeit und Ihr werdet stürzen!“
    Doch der Magier hatte schon beide Füße auf den Übergang gesetzt und drehte sich in der Mitte, sein Gewicht ausbalancierend, mit einer selbstsicheren Bewegung zu ihr um. Doch anstatt zu protestieren reichte er der verdutzten Novizin beide Hände, um ihr nach oben zu helfen. „Wollt Ihr mich dann nicht lieber begleiten?“
    „Das ist doch jetzt nicht Euer Ernst, oder doch?“, empörte sie sich und stemmte beide Hände in ihre schmalen Hüften. Dann griff sie nach dem Ende der Planke und drückte es mit aller Kraft fest auf die Bordwand, um ihm einen halbwegs sicheren Weg zurück zu ermöglichen. Der etwas flachere Kutter bewegte sich in diesem Augenblick schwungvoll nach oben und der Magier stolperte schulterzuckend zwei Schritte nach hinten, drehte sich dann geschickt um und berührte leicht Augen und Ohren, bevor er im wüsten Kampfgetümmel verschwand. „Bei Hesinde!“, keuchte Jalessa, ließ die Planke los und versuchte, Firutin an Bord des nun wieder tieferliegenden Schiffes auszumachen, doch der vormalige Boroni war spurlos verschwunden.
    Verschwunden war auch die Schwärze, die Rezanir für einige Augenblicke umgeben hatte, als er nach dem harten Aufprall gegen den Mast das Bewusstsein verloren hatte. Doch ein Luftzug, vielmehr ein Rauschen ließ ihn seine Augen aufreißen. Über seinem Kopf stand ein Tulamide, der sich offenbar an einem Seil aus dem Krähennest herabgelassen hatte, und holte gerade zum Schlag mit seinem Säbel aus. „He, bist du von allen Geistern verlassen?“, kreischte der Liegende nahezu panisch auf und hob abwehrend beide Hände. „Das soll doch nur eine Übung sein!“
    Das Gesicht seines Rivalen war blutrot angelaufen und Wahn stand in seinen Zügen, doch die Worte in seiner Heimatsprache ließen den Seemann zögern. „Entschuldigung.“, murmelte er leise und trat einen Schritt zurück, die Waffe zurückziehend. „Verdammt nochmal, tut mir leid.“ Jetzt reichte er seinem verdutzt dreinschauenden Landsmann sogar die freie linke Hand. „Hab Euch gar nicht erkannt, Ihr seht verändert aus, Rezanir.“, versuchte er gerade zu erklären, als sich Nazir gegen seinen Körper warf und ihn mit drei schnellen Schlägen an der hinteren Bordwand festnagelte.
    Auf der Brücke hatte sich letztlich auch Jurge dazu entschlossen, dem regen Treiben an Bord des anderen Schiffes einen Besuch abzustatten und einen Landepunkt auf dem gegnerischen Achterdeck ausgemacht, wo Kapitän Muammar mit einigen Getreuen noch immer tapfer und relativ unbedrängt die grüne Tischdecke verteidigte. Mit einem kurzen akrobatischen Schwung stand der Geweihte auf der Bordwand und setzte nach einem kurzen Luftholen über. Doch leider sprintete in diesem Moment ein Mitglied der tulamidischen Besatzung in seine Landezone und brachte ihn zu Fall.
    Nadjesha hatte sein Manöver überrascht beobachtet und sofort erkannt, dass das nicht gut gehen konnte. Sofort kam Bewegung in die bornische Kriegerin und mit einem unerwartet raumgreifenden Sprung setzte sie ihm mit vor Schreck geweiteten Augen nach. Sie landete direkt hinter dem Gestrauchelten und versuchte, ihn mit einem beherzten Nackengriff zurück auf die Beine zu ziehen.
    Der Geweihte gurgelte kurz und raffte sich wieder auf, griff jedoch sogleich nach hinten, um den Arm seines Angreifers zu packen und ihn mit einem Wurf über die Schulter abzuschütteln. Das würde dem dreisten Halunken, der ihn in einer übungsbedingten Notlage derart grob angegangen war, sicherlich eine Lehre sein.
    Firutin hingegen spazierte unbedrängt und ohne Schwierigkeiten durch die Kämpfenden, wie ein geübter Lastenträger auf einem überfüllten Markt. Er hatte es auf die kleine Tür abgesehen, die in die kleine Achterkajüte des gegnerischen Schiffs führen musste und die für Lucan zuvor nicht auszumachen gewesen war, weil sich die abwehrbereiten Tulamiden vor dem Gefecht genau davor gesammelt hatten. Es war eine Tür aus einfachem Holz, die jedoch mit qualitativ hochwertiger Ornamentik verziert war. Gelassen drückte er zunächst die Klinke herunter, doch das wirkte leider nicht. Mit einem leisen Kichern klopfte er zur eigenen Belustigung an und wartete gespannt, ob ihm aufgetan wurde.
    Auf der Brücke der Trutz war Dragomir nun endgültig das Lächeln aus dem Gesicht gewichen und eisige Kälte machte sich in ihm breit, als er das zunehmend ruppigere und gewalttätigere Ringen an Bord des Kutters beobachtete. Auch die Schäden nahmen mittlerweile eine bedenkliche Dimension an, denn vor wenigen Sekunden war das Hauptsegel des havenisch getakelten Kutters zerrissen, nachdem irgendein gegnerischer Idiot einen Säbel aufgenommen und damit ziellos um sich geschlagen hatte, bevor ein entschlossener Mannschaftskamerad ihn mit einem Belegnagel außer Gefecht gesetzt hatte.
    „Ob jener dort es jemals vermag, die Reparatur des Segels durch Gold oder Taten aufzuwiegen?“, kommentierte Rodan den unnötigen Gewaltausbruch und klopfte mehrere Mal mit dem Ende seines Stabes in die offene Rechte.
    „Ich bin da ehrlich gesagt recht skeptisch.“, bekannte Dragomir freimütig. „Allerdings kennt man im Süden den Begriff der Schuldsklaverei, so dass dieser auch dem Narren dort bekannt sein dürfte.“ Er ließ seinen Blick abermals über das Kampfgeschehen schweifen und schüttelte leicht mit dem Kopf.
    Im Bauch des Kutters erwachte Lucan stöhnend auf den harten Planken des Lagerraums und fasste sich an den Kopf, wo sich bereits eine dicke Beule an jener Stelle abzeichnete, an der ihn der fehlgeleitete Belegnagel getroffen hatte. Er lag direkt unter dem Niedergang und starrte die Leiter hinauf durch die offene Luke auf das hilflos im Wind flatternde Hauptsegel und die wenigen Wolken am strahlendblauen Vorabendhimmel.
    Plötzlich schob sich eine Säbelspitze vor seine Nase, gehalten von jenem Seemann, dem er wenige Minuten zuvor an Deck in die Weichteile getreten hatte. Der Pirat schluckte kurz, lachte dann aber laut auf. „Erwischt, ich ergebe mich.“, bemühte er die wenigen Brocken Tulamidya, die er auf seinen Reisen aufgeschnappt hatte. „Ich habe keine Lust mehr. Wollen wir nicht lieber was trinken gehen? Der Kapitän hat doch bestimmt einen guten Tropfen in der Kabine, oder?“ Die rechte Hand des Vermögensumverteilers deutete auf die Tür, die nach achtern und damit mit hoher Wahrscheinlichkeit zu seinem Ziel führte. „Tut es noch weh?“
    Doch das Gesicht seines Gegenübers wirkte noch immer wenig freundlich und verdüsterte sich gar, als von oben ein lauter Ruf hinunter drang. „Diese Söhne der Feigheit und Enkel der Hinterlist wollen uns wirklich entern!“, dröhnte es dumpf, aber klar verständlich im Lagerraum. Langsam schüttelte der Tulamide mit dem Kopf und zog wenig liebreizend die Brauen zusammen, bemerkte aber nicht den Schatten in seinem Rücken, der in den Niedergang spähte.
    Lucan ließ sich nichts anmerken und fragte freundlich: „Na, was ist? Wollen wir uns jetzt die Zähne ausschlagen oder lieber doch einen heben gehen?“
    Sein Kontrahent grinste nur, was den Piraten irgendwie an die Visage einer Ratte erinnerte, und hob den Säbel zum tödlichen Stoß. Doch dieser wurde ihm sogleich aus der Hand getreten und keinen Atemzug später befand sich der Kopf des tulamidischen Seemanns zwischen zwei gewaltigen Oberschenkeln eingeklemmt und japste nach Luft.
    „Ist sie hier?“, erkundigte sich Nazir recht barsch, während sein Gefährte aufstand und sich nach dem zu Boden gefallenen Säbel bückte.
    „Woher soll ich das denn wissen?“ Lucan betrachtete seinen vorherigen Widersacher, der allmählich rot anlief, aufmerksam und betastete schelmisch grinsend seine Taschen. „Der blöde Kerl hier hat mich nicht nach ihr schauen lassen.“
    Das Raubein aus Al’Anfa verschärfte daraufhin noch einmal den Druck auf die Kehle des Tulamiden und grollte: „Warst wohl nicht liebenswürdig zu meinem Kumpel, hm?“ Beide Hände des Fremden klammerten sich nun verzweifelt um die eisernen Waden, die sich vor seiner Brust kreuzten. „Redest wohl nicht mit jedem, hm? Dann schlaf gut.“ Nazir drückte dem Matrosen zähnefletschend solange die Luft ab, bis dieser schließlich das Bewusstsein verlor.
    Sein Kamerad hatte derweil einige wenige Münzen und etwas Tabak als Beute eingesteckt, jetzt überprüfte er gerade gelassen, ob ihm die Schuhe des Schlummernden passen würden. Schulterzuckend verwarf er diesen Gedanken und klopfte dem Al’Anfaner, der sich nun auch unten im Laderaum befand, dankend auf die Schultern. „Dann mal los.“, knurrte dieser und gemeinsam machten sie sich auf die Suche nach Jolinar.
    Über ihren Köpfen hatte sich unterdessen Rezanir ein neues Problem eingehandelt, ein beinahe zwei Schritt großes und massiges Problem. Der Reisende aus Rashdul hatte sich gerade zu jenem tulamidischen Seemann heruntergebeugt, der nach der liebenswürdigen Behandlung durch Nazir keuchend und kampfunfähig an der Bordwand liegen geblieben war. Der Kerl hatte ihn erkannt und sogar beim Namen genannt, was ihn für einige Augenblicke derart verwirrte, dass er das Manöver um sich herum völlig vergaß.
    Der massige Oger, zumindest stellte sich Rezanir jene fremden Wesen in seiner Phantasie genauso vor, hatte aus dem Anblick der beiden geschlussfolgert, dass der Herr in den feinen Gewändern seinen Mannschaftskameraden derart zugerichtet hatte, und mit seinen riesigen Pranken schmerzhaft zugepackt. Mit seinem Opfer im unerbittlichen Schwitzkasten hatte er jenen Satz gebrüllt, den auch Lucan unter Deck hatte vernehmen können: „Diese Söhne der Feigheit und Enkel der Hinterlist wollen uns wirklich entern!“ Trotz der noch immer über dem Kampfgeschehen schwebenden Melodie von Regnows Meisterwerk, war der Ruf von vielen Tulamiden aufgenommen und weitergetragen worden.
    So gelangte er auch an das Ohr von Shanja, die ihren Auftraggeber direkt bei Gefechtsbeginn aus den Augen verloren und sich seitdem suchend und über das Deck des Kutters bewegt hatte. Sie war Einzelgefechten nach Möglichkeit ausgewichen und hatte sich immer im Rücken der bornischen Seeleute oder der Gefährten gehalten. Nun jedoch hatte auch sie den bulligen Kerl im Format eines geräumigen Kleiderschrankes entdeckt, der eher zufällig zwischen ihr und dem Niedergang stand, in dem Rezanir nach seiner Landung möglicherweise verschwunden war. Sie erkannte erst auf dem zweiten Blick, dass es ihr gurgelnder Begleiter war, dem der Hüne die sicheren Planken unter den Füßen geraubt hatte.
    Der widerwärtige Kerl wollte gerade erneut etwas brüllen, als sein Blick auf die bildhübsche und grazile Aranierin fiel, die sich vor ihm aufbaute und langsam ihre Waffe zog. Dem Riesen schien das Wasser im Mund zusammen zulaufen, doch die kühl und befehlsgewohnt vorgebrachten Worte der Schönheit wischten ihm das freche Grinsen aus dem feisten Gesicht.
    „Loslassen und beiseite treten!“, forderte ihn das kleine Püppchen, das ihm gerade einmal bis knapp über den Bauchnabel reichte, ohne Scheu und selbstsicher auf.
    „Aber gerne doch.“ Ein tiefes Grollen brach tief aus dem Schlund des bulligen Seemanns hervor und mit ungeheuerlichen Schwung schleuderte er sein vor Luftknappheit würgendes Opfer auf die tapfere Balayan zu.
    Shanja senkte ihren Säbel und wich mit einem beherzten Sprung nach rechts aus, um eine Kollision mit Rezanir zu vermeiden, doch sofort griffen die gewaltigen Pranken des vor Begierde sabbernden Hünen hoffnungsvoll nach ihren Armen.
    Kurz zuvor hatten sich Adriego und Ramon zu Firutin gesellt, der noch immer seelenruhig darauf wartete, dass ihm jemand die Tür zu den Räumen unter der Brücke öffnete. Der Südländer hatte es geschickt verstanden, sich an der Bordwand einzuigeln und seinen ersten Gegner, der mittlerweile benommen an der Bordwand kauerte, gegen einen zweiten eingetauscht, den er nun im bekannten Büttelgriff als menschlichen Schutzschild vor sich herschob. Mit Rücksicht auf seinen bereits mehrfach verwundeten Bauch ließ er es diesmal lieber betont gemächlich angehen.
    Der Schwertgeselle zog einem angreifenden Tulamiden, der bereits ein zugeschwollenes Auge davongetragen hatte, seinen Belegnagel über den Kopf und erkundigte sich neugierig: „Worauf wartet Ihr denn, Firutin?“
    Doch der Angesprochene klopfte noch einmal in aller Ruhe, bevor er sich gelassen umdrehte. Blitzschnell erfasste er die Situation, schubste den verdutzt dreinblickenden Almadaner entschlossen zur Seite und machte seinerseits die Tür frei, wobei er jedoch einen Fuß bewusst im Weg stehen ließ. Einen Sekundenbruchteil später schepperte und knallte es gewaltig, die Pforte zu den Achterkajüten der Nur ay al’Veran gab berstend und ächzend nach und der Magier zuckte mit den Schultern. „Gut Ding will Weile haben.“
    Adriego und Ramon starrten sich perplex an, während die Geisel des Südländers trotz der Schmerzen im verdrehten Arm nach rechts durch die zerbrochene Pforte glotzte und der Ritt der Alveranischen Heerscharen in einem herrlichen Choral sein triumphales Ende erreichte. Letzte Holzteile landeten auf der edlen Kleidung des tulamidischen Rammbocks, die nun jedoch deutlich an Wert verloren hatte.
    Während der Magier lächelnd eintrat und über ihren bemitleidenswerten neuen Gefährten hinwegstieg, den er in der Hitze des Gefechts schlichtweg nicht erkannt hatte, erfasste Ramon mit dem ersten klaren Gedanken nach dem Aufprall einen Angreifer hinter Adriego. „Hinter dir.“, warnte er seinen Kameraden mit einem noch immer vor Verwunderung beiläufigen Tonfall und auch der Schwertgeselle erwachte aus seiner erstaunten Lethargie.
    Er duckte sich, brachte mit seinem Buckel den anstürmenden Seemann ins Straucheln und dessen Belegnagel versetzte der Geisel des Südländers, die gerade wieder den Kopf nach vorne gerichtet hatte, einen harten Schlag auf die Stirn. Mit betroffener Miene ließ der Recke aus Sant Ascanio den bewusstlosen Tulamiden zu Boden gleiten, dann gebot er seinem Gefährten mit einer höflichen Geste, vorzugehen: „Nach dir, mein Freund.“ Der Almadaner grinste breit und folgte Firutin hinein in die Heckaufbauten des Kutters.
    Eine Etage höher, auf der Brücke der Nur ay al’Veran, hatte das laute Krachen der Pforte die zuvor schon ungesund rotstichige Gesichtsfarbe Kapitän Muammars in die Nähe des Farbtons eines gut zubereiteten Hummers getrieben. Seine empörte Neugier und die nach dem Abebben der Musik nunmehr umso eindringlicheren Schmerzensschreie auf dem Hauptdeck seines Schiffs, trieben den Kommandanten des tulamidischen Kutters nach vorne an die Reling, wo er für einige Augenblicke mit offenen Mund verharrte, bevor seine wüste tulamidische Schimpftirade für eine neue musikalische Untermalung der sich ihm in ihrer ganzen Schärfe offenbarenden Schlägerei sorgte.
    Jurge hingegen hatte es noch immer nicht geschafft, seinen hartnäckigen Widersacher abzuschütteln, aber immerhin hatte er ihn über seinen Rücken hinweg am Kragen gepackt, so dass ihm schon irgendwann die Luft ausgehen würde. Tatsächlich keuchte der Hund schon schwerfällig und versuchte zappelnd, den Geweihten seinerseits zu Boden zu ringen. Ihre Füße hatten sich längst miteinander verhakt und, gemeinsam an das festgemachte Steuerrad gelehnt, ging es für beide weder vorwärts noch rückwärts. Glücklicherweise waren der Steuermann und die wenigen anderen Tulamiden auf der Brücke in kleinere Scharmützel verwickelt und zollten den beiden Ringenden keine Aufmerksamkeit.
    Auch wenn sein Rivale sich bis zum Schluss gegen seinen Griff gewehrt hatte, gelang es dem Geweihten schließlich doch noch, den lang geplanten Schwung über die Schulter durchzuführen. Leider verlor er dabei selbst das Gleichgewicht und nicht nur der Angreifer flog in hohem Boden auf die Planken des Kutters, sondern auch der junge Rondrianer. Während sich sein Gegner langsam und keuchend auf den Rücken drehte, krabbelte Jurge flink zu ihm herüber, fixierte mit der linken Hand den rechten Arm des Kontrahenten und wollte gerade mit der rechten Faust zuschlagen, als er voller Schreck erkannte, wer sein Opfer hätte werden sollen.
    Der Aufprall auf den Planken hatte Nadjesha die Luft aus den Lungen gepresst und einige Momente lang konnte sie sich nicht rühren. Doch nun schaute sie in das verwirrte und schockierte Gesicht des liebgewonnenen Geweihten, der rot angelaufen war und nur zusammenhanglose Brocken stammelte, aus denen die Baroness lediglich ein „Du…?“ entnehmen konnte. Nach einigen Schrecksekunden hielt er ihr endlich eine Hand hin und sie ließ sich aufhelfen. Mit leicht verzerrtem Grinsen richtete sie sich vollends auf und keuchte: „Unseren ersten Ringkampf habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Wirklich, sehr charmant.“ Sie drückte mit beiden Händen den schmerzenden Rücken durch und zwinkerte ihm kokett zu. Ein überraschender Rempler eines weiteren raufenden Duos auf der Brücke warf sie schließlich in seine Arme und ehe sie wusste was geschah, spürte sie seine Lippen auf und kurz darauf auch seine Zunge in ihrem Mund.
    Rodan ergriff auf der Brücke der Schivone abermals das Wort, als er zufrieden das Eindringen einer Vielzahl eigener Kräfte in das Innere des Kutters registrierte: „Es ist wohl an der Zeit, mich dem Kampf anzuschließen, wenn wir die Gunst der Stunde zu einer Befragung des Kapitäns zu nutzen gedenken.“ Der Reichsleutnant deutete mit seinem Stab auf die Brücke, wo zwar Jurge und Nadjesha noch immer miteinander rangelten, wenn auch diesmal aus ganz anderen Gründen, der Kapitän jedoch mittlerweile wieder ziemlich isoliert am Flaggenstock stand und tapfer einen angebrochenen Besenstil zur Verteidigung seiner Flagge schwang. „Alternativ dürfte dies im Nachhinein bei der gemeinsamen Besprechung der Übung möglich sein. Was meint Ihr, Hochgeboren?“
    „Angesichts der immer größer werdenden Schäden wird die Manöverkritik mit Kapitän Muammar wohl sehr kurz ausfallen, also nur zu. Viel Vergnügen.“ Der Freiherr registrierte kopfschüttelnd, wie wenig Einfluss er von hier aus auf die Lage auf dem anderen Schiff hatte. Daher machte es durchaus Sinn, den erfahrenen Magier hinüberzuschicken und das Ganze kurz und schmerzlos zu beenden.
    „Sehr wohl.“ Rodan neigte knapp das Haupt und wandte sich der Steuerbordreling zu, wo er einen guten Blick auf die Brücke des Kutters hatte, die je nach Wellengang und Bewegung der Schivone mal näher, mal ferner lag, dabei jedoch immer wieder in Sprungreichweite kam. Offenbar waren beide Schiffe nicht mehr allzu fest miteinander vertäut, nachdem das Übungsgefecht zu einer wilden Keilerei ausgeartet und die Seile auch von den eigenen Matrosen zunehmend vernachlässigt wurden.
    „Viel Vergnügen.“, wünschte der Freiherr dem geduldig auf einen geeigneten Moment wartenden Reichsleutnant trocken, um sich sofort wieder mit ernstem Blick dem Geschehen an Deck der Nur ay al’Veran zuzuwenden. Er beobachtete gerade wie Shanja dem bärbeißigen Hünen ihren Säbel vor die Nase hielt, als Jalessa sich zaghaft und humpelnd auf die fast leere Brücke traute.
    „Im Namen der Herrin Hesinde, wo kamen diese Klänge her?“, wandte sie sich zaghaft an den Freiherrn. „Ich kannte das Stück irgendwoher.“
    Doch dieser lächelte ihr nur freundlich zu und rückte einen Schritt von Kapitän Borsoj ab, damit sich die Draconiterin zwischen die beiden Männer stellen konnte. „Ihr schreitet nicht selbst ins Gefecht, Hochgeboren?“, warf sie neugierig ein, bemerkte jedoch, dass sie zu forsch vorgegangen war und räusperte sich. „Ich meine, wo kamen die Klänge her?“
    „In der Tat, heute wählte ich den Platz des Beobachters.“, antwortete Dragomir ihr freundlich. „Das ermöglichte es mir, die gleichermaßen klangvolle wie körperlose Aufführung von Regnows Ritt der Alveranischen Heerscharen als experimentelles Beispiel zur taktischen Anwendung von Magie im Kampfe zu genießen, ohne dabei durch Hiebe und Schläge gestört zu werden.“
    „Also doch Magie?“ Die Novizin schien weniger schockiert, als neugierig zu sein. „Ich hätte es wissen müssen. Illusionsmagie gewiss, da habe ich noch nicht allzu viel drüber gelesen.“
    „Ja, es war Magie.“, gab der Edelmann aus dem Bornland offen zu. „Die gelehrten Herren an Bord werden es Euch aber sicherlich genauer erklären können als ich.“
    Beide schauten zu, wie Rodan endlich einen passenden Moment angepasst hatte, um auf die Brücke des Kutters zu springen, wo Jurge und Nadjesha trotz der Gefahr noch immer Zärtlichkeiten austauschten. Verlegen sah sich Jalessa nach Xardan um, doch der war offensichtlich irgendwo anders an Bord unterwegs oder hatte irgendwann ebenfalls übergesetzt. Völlig unvermittelt platzte eine Frage aus ihr heraus, die sie in den vergangenen Tagen nicht mehr aus dem Kopf bekommen hatte. „Meint Ihr ich wäre reif genug für die Weihe?“ Sofort bereute sie das Gesagte, starrte geradeaus auf den Reichsleutnant, der Kapitän Muammar erreicht hatte, und wünschte sich, das leichte Zittern ihrer Hände würde endlich aufhören.
    „Ich fühle mich durchaus geehrt, Adressat dieser Frage zu sein, Fräulein Saatflegler-Sichelsbach.“, erklärte Dragomir ruhig und freundlich, nachdem seine anfängliche Irritation verflogen war. „Leider muss ich darauf verweisen, dass dieser Moment wahrlich nicht geeignet ist, um eine derart wichtige Frage zu erörtern.“
    „Oh, ja, ähm… wie töricht von mir.“, stotterte Jalessa. „Es tut mir leid.“ Tränen liefen ihr über die Wangen, sie konnte den Gefühlsausbruch einfach nicht verhindern. Das war alles heute viel zu viel für sie! Sie verbeugte sich hastig und humpelte auf die Backbordseite der Brücke, fernab vom Kampfgeschehen. „Was mache ich nur schon wieder für Sachen?“, schimpfte sie leise mit sich und blickte seufzend, die Tränen mit dem Ärmel ihres Gewandes wegwischend, zum Horizont.
    Zwei Hände legten sich zögernd auf die Reling, eine links und eine rechts von ihr, zwei ihr wohlbekannte Hände. „Herr Sandström wandte einen Zauber aus dem Formelkanon der Illusionsmagie an.“, erklärte Xardan so leise, wie es der abebbende Enterkampf keine zwanzig Schritte in ihrem Rücken zuließ. „Wie passend für ihn.“
    „Wie meinst du das?“ Sie versuchte räuspernd ein letztes Schluchzen zu unterdrückten und wandte sich zu ihrem Freund um. „Nun, er neigt dazu, sich als etwas auszugeben, was er nicht ist. Er ist der Scharlatanerie zugewandt. Wenn wir uns an die Vorkommnisse in Unau erinnern, pah! Vorzugeben ein Priester des Herrn Boron zu sein, das ist doch…“, sprach der Magier ruhig, aber dennoch war Wut in seiner Stimme auszumachen.
    Jalessa legte ihm einen Finger auf den Mund, damit er schwieg. Dann kuschelte sie sich eng an den immer so formellen Horasier, der überrascht erst die eine, dann die andere Hand hob, und seine Freundin zögerlich umarmte. In publico.
    Jurge Sturmfels - Ramon Orthogez - Sumudan von Sinoda

  2. #2
    Legende Avatar von Holli
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    Der Schreibstil gefällt mir und zieht mich als Leser gut mit. Was mich persönlich aber etwas stört, sind die manchmal viel zu lange Sätze. Das erinnert etwas an Umberto Eco. Da muss man auch einige Sätze auch zwei, drei Mal lesen, weil zu viele Informationen zwischen Kommata gesetzt werden. Ansonsten würde ich gerne weiteres lesen
    Ich bin Schizo, du bist Phren. Hast du mich irgendwo gesehn?

  3. #3
    Legende Avatar von Connar
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    Oer-Erkenschwick
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    Danke für das Feedback, ich werde mich bemühen, ein wenig auf die Satzlänge zu achten
    Jurge Sturmfels - Ramon Orthogez - Sumudan von Sinoda

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