02 Das erste Vortasten

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gervininstreet

Ihr Lächeln blieb so bezaubernd wie eine Rasierklinge im Honigkuchen, als sie mir mit wohltemperierter Stimme um den Gefrierpunkt herum mitteilte: „Ich habe nichts gesehen.“ Da lag die Dame ziemlich richtig, denn das verräterische Schild hatte ich in der letzten Woche eigenhändig herunter geschraubt, da mir Aldana damit auf die Nerven gegangen war.

Ihr Lächeln blieb so bezaubernd wie eine Rasierklinge im Honigkuchen, als sie mir mit wohltemperierter Stimme um den Gefrierpunkt herum mitteilte: „Ich habe nichts gesehen.“ Da lag die Dame ziemlich richtig, denn das verräterische Schild hatte ich in der letzten Woche eigenhändig herunter geschraubt, da mir Aldana damit auf die Nerven gegangen war.

Aldana ist ein tolles Mädchen, eine hervorragende Sekretärin, ein echter Kumpel und von wirklich ansprechender, wenn auch eher transzendenter, Gestalt, doch sie hat eine ziemlich penetrante Art, wenn sie ihre Meinungen vertritt. Wenn Sie mich fragen, tut sie das öfter, als es sein muss, aber in diesem Fall hatte sie wohl Recht gehabt. Die Schriftzüge, so erklärte sie mir mit dünner, nicht ganz derischer Stimme würden die Kundschaft verschrecken.
Sie waren zugegeben ausdrucksstark. Zhayad hat ja immer etwas übersinnliches, aber diese Buchstaben wirkten so, als könnten sie jederzeit ihre Tentakeln ausfahren und das ein oder andere Körperteil vom Beobachter herunterreißen. Um genau zu sein, es sah so aus, als hätten sie das schon ein paar Mal durchgezogen. Ich stellte für mich fest, dass es nicht immer gut war, psychotischen Massenmördern mit künstlerischer Ader eine zweite Chance zu geben, gestand mir ein, dass Pinsel-Zoltan zwar ziemlich tot, aber für einen wandelnden Leichnam noch immer ordentlich wahnsinnig war, beschloss ihn nie wieder als Schildermaler zu beschäftigen und schraubte das Ding eben von der Wand. Tja, das war die Geschichte. Aber die war mir in dieser Nacht ein wenig lang zu erzählen. Gut, die Dame und ich hatten definitiv Zeit, aber ehrlich gesagt interessierte mich mehr, was dieses Paar Beine, für die ein Shadif gemordet und wohl eine Elfe die ihren oder zumindest ein Elefant seine Stoßzähne gegeben hätte, zu mir geführt hatte.
Ich beließ es daher bei einem: „Das war nur ein Idiom.“ Und sie antwortete angemessen wortkarg: „Das tut mir sehr leid für Sie.“
Die ersten Züge waren vielversprechend verlaufen und ich setzte die Eröffnungsroutine fort, indem ich ihr mit legerer Handbewegung einen Platz anbot, was sofort ein Nachziehen gewisser geharzter Textilien notwendig machte.
Von ihrem Platz aus hatte ich einen guten Blick auf sie und ihre anmutig überschlagenen Beine. Die Al Anfaner hatten viele Verbrechen begangen, die Mode der beidseitig bis in Schenkelhöhe geschlitzten Seidenkleider gehörte definitiv nicht dazu. Mein Starren muss ihr ein wenig unangenehm geworden sein, auch wenn es keineswegs mit lüsternen Gedanken verbunden war.
Ich kann Ihnen versichern, dass man nach gut drei Jahrhunderten in einem steinernen Sarkophag mit alberner Bemalung und noch alberneren Todesflüchen auf den Wänden so einiges, darunter auch sexuelles Verlangen, verliert. Und nein, das hat tatsächlich nichts mit dem regelmäßig auf meiner Ruhestätte verbrannten Ilmenblatt zu tun.
Ich betrachtete sie mehr wie ein Kunstkenner ein gelungenes Werk und das eben recht intensiv. Ob Augen ebenso wie Trauben durch Trocknung süßer werden, vermag ich nicht zu sagen. Besser werden sie auf keinen Fall.
Jedenfalls brach ein affektiertes Räuspern die Stille, die sich wie ein Samtmantel um uns geschmiegt hatte, nachdem das Gewitter sich mit ihrem Auftritt theatralisch ins nichts aufgelöst hatte – niemand sagt was gegen Vampire, aber wenn sie sich auf eins verstehen, dann darauf, richtig dick aufzutragen.

Also tat ich meine Pflicht. „Was führt Sie zu mir?“ fragte ich und verdammt, ich wollte es wirklich auch wissen. Sie seufzte wirklich herzzerreißend – mit so etwas mache ich keine Scherze – und führte den rechten Handrücken zu ihrer fahlen Stirn. „Herr Taitos, ich habe ein großes Problem.“
Sicher hatte sie das. Wer sich auf den Weg zu einer verfluchten Grabstätte machte, um eine zynische Mumie in einer heruntergekommenen Hütte um Hilfe zu bitten, der musste wirklich Probleme haben oder war nicht mehr ganz sauber im Oberstübchen, was man tatsächlich ebenfalls als problematisch ansehen könnte.

Letzte Änderung am Freitag, 17 Februar 2012 20:03
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