01 Die Begegnung

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gervininstreetEs war eine dieser Nächte, in denen die ausgestopfte Katze und eine Flasche abgestandener Syllarac die einzigen Freunde sind, die Du hast.

Es war eine dieser Nächte, in denen die ausgestopfte Katze und eine Flasche abgestandener Syllarac die einzigen Freunde sind, die Du hast.
Draußen schüttete es, als erbräche Belzorash die unverdauten Reste der letzten fünf Menschheitsseuchen über jenes verdorbene Stückchen Boden, in dem ich meine Ruhe nicht hatte finden können. Faulige Winde rüttelten an klapprigen Läden, welche jene Löcher in der Wand verdeckten, die ich wider besseres Wissen und aus purer Einfallslosigkeit Fenster nannte.

Gedankenverloren kaute ich auf dem klammen Deckblatt meines Mohacca-Zigarillos herum. Das Rauchen hatte ich mir am späten Nachmittag abgewöhnt, nachdem ich mir darüber klar geworden war, dass dies recht gesundheitsgefährdend sein konnte - vor allem wenn man zu gut drei Vierteln mit geharzten Stoffbinden umwickelt war, trocken wie der Humor eines praiotischen Inquisitors mit Hämorriden und mindestens ebenso feuergefährlich.

Hinter den Läden begann es jetzt zu donnern und zu blitzen. Möglicherweise der durchaus verständliche Zorn Rondras. Dieses Wetter war bestimmt nicht dazu geeignet, gute Stimmung zu verbreiten. Gerade als ich einen weiteren Schluck aus der Pulle genommen hatte, schlug der Blitz in unmittelbarer Nähe ein und seine Helligkeit drang so problemlos durch die erwähnten Läden wie feiner Tulamidischer Stahl durch einen verlotterten Andergastschen Gambeson.

Beinahe gleichzeitig ertönte der Donner mit der urtümlichen Wut einer rasenden Hornechse.

Und dann, dann stand sie in dem Raum. Unvermittelt, übergangslos, wie selbstverständlich und schon immer da gewesen. Sie war eine dieser Frauen, deren Anblick einen zwang, sofort die Füße vom Schreibtisch zu nehmen, was ich auch tat. Und ja, sie war mit jeder verdammten Faser ihres schlanken Körpers, mit jedem Rechtfinger ihrer blutlos morbiden Alabasterhaut und jeder Strähne ihres nachtschwarzen Haares ein Vampir. Wäre ich ein Idiot gewesen, wäre mir das spätestens nach ihrem Lächeln zwischen dunkelroten Lippen klar geworden, als ich mir unvermittelt mit der Hand dort über den Hals strich, wo man früher einmal den nun ausgetrockneten Fluss des Blutes in der Schlagader fühlen konnte. Wäre ich ein Idiot gewesen, hätte sich diese reflexartige Geste aber wohl gar nicht eingestellt. Verdammt, wäre ich ein Idiot gewesen, dann wäre diese Dame wohl auch nicht zu mir gekommen. Und wahrscheinlich wäre das auch besser gewesen.

So jedenfalls stand sie vor mir und lächelte noch immer ihr Zwei-Liter-in-drei-Lidschlägen-Lächeln als sie niemand bestimmten fragte: "Gervin Taitos?"

Ein kurzer Blick auf die Katze, die beleidigt vor sich hinstaubte verriet mir, dass ich wohl derjenige sein würde, der heute die Konversation übernehmen musste. Also bemühte ich mich ebenfalls um ein Lächeln, was mit mumifizierten Gesichtszügen eine recht anspannende Tätigkeit ist und gab die Antwort, die man von mir erwartete: "Steht so an der Tür!"

Letzte Änderung am Freitag, 17 Februar 2012 19:46
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