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Wahnsinn und Weiblichkeit: Motive in der Literatur von William Shakespeare bis Helmut Krausser (Schuchter, Veronika)

Wahnsinn und Weiblichkeit: Motive in der Literatur von William Shakespeare bis Helmut Krausser Klappe:

Shakespeares Ophelia und Lady Macbeth. Medea, die rasende Kindsmörderin aus der griechischen Mythologie, Goethes Gretchen und Schnitzlers Fräulein Else – die Literatur ist voller weiblicher Wahnsinnsfiguren. Von Focault wurde der Wahnsinn als Instrument der Ausgrenzung und Wahrung der Diskurshoheit entlarvt. Die spezielle Situation der weiblichen Wahnsinnigen ging dabei unter. Eine Konzentration auf die „wahnsinnige Frau“ ist aber gerade deshalb besonders ergiebig, weil die Frau durch alle Epochen hindurch die unterdrückte Stellung einnimmt, zur Wahnsinnigen gestempelt wird oder mit Wahnsinn reagiert.; ein Prozess, welcher sich in der Literatur spiegelt.

Veronika Schuchter untersucht, wie die Figur der Wahnsinnigen in der Literatur funktionalisiert wird und welche Stereotype dabei zum Tragen kommen. Die femme fragile und die femme fatale sind hier die prototypischen weiblichen Wahnsinnfiguren. Im Gegensatz dazu gibt es aber auch Individualisierungstendenzen, welche die Wahnsinnige in ihrer Einzigartigkeit und Isoliertheit darstellen, wodurch das Stereotyp gebrochen und das Bild der Wahnsinnigen facettenreicher wird. Ausgehend von Shakespeares berühmten Figuren Ophelia und Lady Macbeth wird die Verbindung der beiden Motive über Henrik Ibsens Nora oder ein Puppenheim, Arthur Schnitzlers Fräulein Else, Christine Lavants Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus bis zu Helmut Kraussers Schmerznovelle verfolgt.

 
Meinung:
Eines gleich vorneweg: Das Buch, das Frau Schuchter hier vorgelegt hat, ist eine ernstzunehmende wissenschaftliche Arbeit, präzise gesagt die Diplomarbeit der Autorin, und diesem Anspruch entsprechend verlangt es seinem Leser einiges ab. Ohne zumindest grundlegende Kenntnisse literaturwissenschaftlichen Vokabulars und vor allem ohne einen gewissen Überblick über die Thematik der Gender-Typologien und der feministischen Literaturkritik lässt sich dieses Werk nur sehr mühsam in seiner vollen Dimension erfassen, auch wenn die Autorin bisweilen sehr detailliert auf diese Thematiken eingeht.

Knapp die Hälfte ihrer Arbeit hat die Autorin dem Wahnsinn, speziell dem weiblichen Wahnsinn und seinen Erscheinungs- und Darstellungsformen in Gesellschaft und Literatur gewidmet. Die einleitenden Zeilen über die Hexenverfolgung bleiben eine unbedeutende Randnotiz, was verwundern muss, wenn man bedenkt, dass Frau Schuchter den Anfang ihrer Werksanalyse bei Shakespeare und damit in eben just jener Epoche nimmt.

Der Blick auf die Antipsychiatriebewegung, insbesondere in ihrer feministischen Ausprägung, ist da schon ergiebiger. Hier und im Folgenden arbeitet die Autorin akribisch auf einen der Kernpunkte feministischer Literaturkritik hin, auf die These nämlich, dass der gesellschaftliche Widerstand gegen herrschende Verhältnisse sich in typisch männlichen Ausdrucksformen und mit klassisch männlichen Zielen manifestiere. Gerade als männlicher Leser fühlt man sich hier und da sogar ein wenig ertappt, wenn man feststellt, wie sehr man selbst in Gender-Typologien zu denken bereit ist und klassische Rollenmuster vielleicht sogar unbewusst tradiert.

Die Konstruktion der Hysterikerin, die, das jedenfalls legen Frau Schuchters Ausführungen nahe, kaum mehr ist als ein vages Konstrukt, instrumentalisiert um weibliches Aufbegehren erklärbar und vor allem beherrschbar zu machen, ist das erste einer Reihe von analysierten Stereotypen des Wahnsinns, denen vor allem das Spiel mit Macht und Entmachtungen, mit Ausbrechen und Ausgrenzen gemein ist. Bisweilen steht sich die Autorin hier mit ihrer eigenen Zielsetzung im Weg, denn die Fixierung auf typisch weibliche oder auf das Weibliche gerichtete Formen der Wahnsinnsdefinition lässt manche ihrer Schlussfolgerungen zu einseitig, um es bösartig zu formulieren, geradezu „emanzenhaft“ erscheinen, wo eine etwas weitere Fassung der Formulierungen und der Bezugspunkte die Ausrichtung relativiert und nachvollziehbarer gemacht hätte.

Zentral und durchaus interessant sind die Ausführungen zu zwei klassischen Rollen der Frau in der Literatur, zur femme fatale und zur femme fragile. Es gelingt der Autorin, wenn auch eher im Überblick, hier zwei Stereotype vorzustellen und später in ihren Analysen nachzuweisen, die in der Tat zu den beherrschen weiblichen Motiven in der Literatur gehören und aus denen auszubrechen den Figuren entweder über eine Negation ihrer Weiblichkeit und die Annahme typisch männlicher Elemente gelingt – oder über den Wahnsinn.

Die Werksanalysen der Autorin sind, um eine vorsichtige Formulierung zu wählen, bisweilen sehr provokant. Es zeigt sich erneut, dass die Fixierung auf eine ganz bestimmte These der Autorin eine starre Schiene vorgegeben hat, die ihr den Blick nach links und rechts offenbar verbaut und sie hier und da an die Belastungsgrenzen interpretatorischer Freiheit geführt hat. Beispielhaft mag ihr Umgang mit Schitzlers Fräulein Else gelten, deren Selbstmord sie immer wieder als Schlussstein in ihre Argumentation einzubauen versucht, obwohl sie sich offensichtlich im Klaren darüber ist, dass der Erfolg dieses Selbstmordes und damit auch seine Funktion im Text höchst fraglich ist – die jüngere Forschung geht davon aus, dass der Mediziner Schnitzler sehr genau wusste, dass Else die Überdosis ihres Schlafmittels nicht hoch genug gewählt hatte. Ebenso fehlt hier und an anderer Stelle der letzte Schritt in die Meta-Ebene der Literatur, zu der in einer literaturwissenschaftlichen Arbeit durchaus bedeutsamen Frage: Was sagt uns das über die Literatur?

Enttäuschend, gerade auch im Hinblick auf die bisweilen bis zur Redundanz akribischen Ausführungen der Autorin, bleibt das Fazit. „Der Wahnsinn gilt als die totale, die Frau als die personifizierte Unvernunft“ und „Eine eindeutige historische Entwicklung in der Darstellung weiblichen Wahnsinnslässt sich nicht festsellen“ sind die beiden Kernsätze des gerade zweieinhalb Seiten langen Schlusswortes. Insbesondere die letztere Aussage verwundert und wirft die Frage nach dem Sinn der langen soziohistorischen Ausführungen in der ersten Hälfte der Arbeit auf.

Über ein paar Rechtschreibfehler sieht man hinweg, auch wenn ein Zeichensetzungsfehler im Klappentext ein paar ernsthafte Fragen an den Lektor durchaus rechtfertigt. Immerhin ist der Umschlag hübsch gestaltet, was bei wissenschaftlichen Arbeiten durchaus keine Selbstverständlichkeit und (nach Selbstaussagen) ein Spezifikum des Tectum-Verlages ist. 

 

Fazit:

Brillanz mag man Frau Schuchter nicht zusprechen, dafür aber einen immensen Fleiß, mit dem sie das Thema detailliert und sehr akribisch aufgearbeitet hat. Insbesondere die detaillierten Ausführungen zur jüngeren Sozialgeschichte des Wahnsinns sind durchaus auch für den Laien verständlich und vor allem lesenswert. Die wissenschaftliche Relevanz der Thematik ist unbestritten, die der Arbeit mag ein anderer beurteilen, für ein nichtwissenschaftliches Publikum, dass sich einen neuen Blickwinkel auf die Frauengestalten in der Literatur eröffnen möchte, ist das Buch trotz seiner Sperrigkeit durchaus einen Blick wert. Gerade in der Rollenspielszene ist der Umgang mit weiblichen Wahnsinnigen, zumeist in der Rolle von bösen Widersacherinnen, unbewusst geprägt von den stereotypen Bildern, die in der Literatur, das zeigt Frau Schuchter sehr deutlich, nach wie vor sehr präsent sind. Sich diese Stereotype einmal bewusst zu machen eröffnet ein weites Spektrum an Möglichkeiten um damit zu spielen und durch absichtliche Brechung neue, interessante Charaktere zu entwerfen.

Im Ganzen keine Abendlektüre, aber für den interessierten und einsatzbereiten Leser durchaus ein lohnender Zeitaufwand.


Shurak
 

 

 

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geschrieben am: Sun, 22 Nov 2009
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